Einsiedler der Sibirischen Taiga — Familie Lykow/ Лыков

Lykow

Motiviert aus relegiösen Gründen, sich der etablierten Gesellschaftsform abwended, zogen sich in den letzten Jahrhunderten immer wieder ultraorthodoxe Altchristen (Altorthodoxe) aus den Städten Russlands zurück und suchten das Weite. Getrieben von dem Tod eines Familienangehörigen durch eine kommunistische Patrouille entschied sich ebenso im Jahr 1936 die Familie Lykow zurückzuziehen. Voll beladen, mit zahlreichen lebensnotwendigen Werkzeugen und Geräten bewegten sich Karp und Akulina Lykow mit ihren zwei Söhnen zum Oberlauf des Abakan, 250 km entfernt von jeglicher Zivilisation. Eine höchst beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass das Gebiet heutzutage im Sommer mit einer mindestens sieben Tage andauernden Kanutour und im Winter nur mit dem Helicopter zu erreichen sei.

Allein und fernab anderer Menschen lebten die Lykows für 40 Jahre ausschließlich von dem, was die Natur ihnen anbot: Pilze, Rinden, Fische, kultivierte Kartoffeln, Zwiebeln und Mohrrüben. Ihre Unterkunft stellte die Familie vollständig mit einfachsten Werkzeug her. Mit Methoden der letzten Jahrhunderte erzeugten sie Feuer und Licht resultierte aus Kiemenspäne. Wenige Jahre nachdem sich die Familie niedergelassen hatte, kamen zu den zwei vorhandenen Söhnen zwei Töchter auf die Welt, die es mitzuversorgen galt. Als im Jahr 1961 aufgrund eines heftigen Schneesturms die Vorräte knapp wurden, versuchte die Familie verzweifelt alles zu sich zu nehmen, was im weitesten Sinne nährhaft war so auch Baumrinden oder ihre eigenen Schuhe. Den Kinder zuliebe verzichtete die Akulina Lykow auf ihre Nahrung und verhungerte. Alle anderen Familienangehörige überlebten die schwere Zeit.

Mehr als ein Jahrzehnt später, im Jahr 1978 entdeckte sie zufällig ein Geologenteam. Die vollkommene Isolation der Familie, die zu dem Zeitpunkt zum Beispiel nicht einmal wusste, dass sich der zweiten Weltkrieg ereignete und ihre Lebensweise in der vermeintlich für den Menschen lebensfeindlichen Sibirischen Taiga erweckten Neugier in der Bevölkerung. Seit jeher hat es Reporter und Journalisten dorthin getrieben.

Im Jahr 1981 erkrankten alle Kinder schwer und verstarben mit Ausnahme der Jüngsten, Agafia Lykow. Mit 87 Jahren schied auch der Familienälteste dahin und hinterließ Agafia, die sich seither in der sibirischen Taiga allein durchschlägt. Auch wenn diese Frau mehrere Angebote hatte, ein Leben in einer russischen Stadt fortzuführen, lehnte Sie dies mehrfach ab und lebt wahrscheinlich heute immer noch in den Tiefen der Taiga.

Zur weiteren Lektüre sei auf das Buch Die Vergessenen der Taiga von Wasseli Peskow sowie auf die Reportage über Agafia vom russischen Sender RT verwiesen.

Maxim Germer

Posted by Maxim Germer

Maxim Germer is currently involved as an intern at Liden & Denz in Saint Petersburg. He has been learning Russian for a couple of weeks. Due to the success he noticed during a three weeks stay at the language School Liden and Denz he decided to come back where he is now for three months.

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