Altweibersommer in Russland: Бабье лето

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Die Kalenderblätter fallen und fallen. Ende September – der Sommer neigt sich endgültig dem Ende zu und wir warten. Wir warten und hoffen inständig.

Man sagte mir, im letzten Jahr sei es zu dieser Jahreszeit noch einmal richtig warm geworden. Spitzentemparaturen von bis zu 25 Grad Celsius. Die Leute seien in kurzen Hemden und Hosen in den unzähligen Parks Moskaus gesessen. Picknicks und Schaschlik-Barbecues – einige hatten sich sogar in Badehosen in die Moskwa getraut und einen letzten Schwumm für das ausklingende Jahr gegönnt.

Was in unseren Breitengraden (Schweiz, Deutschland, Österreich) unter der Bezeichnung Altweibersommer bekannt ist, findet ebenfalls in Russland jeweils in den letzten Septemberwochen statt. Besser gesagt: sollte stattfinden. Der diesjährige Herbst scheint es mit der meteorologischen Regel nicht sonderlich genau zu nehmen. Aber: wir warten und hoffen weiter.

Бабье лето („babje leto“ ausgesprochen; heisst soviel wie “Grossmutters Sommer”), wie die Russen dieses Phänomen nennen, ist ein unter üblichen Bedingungen eintreffendes Wetterereignis, welches sich durch ein mehrtätiges Hochdruckgebiet stabil hält und dem Spätsommer einen warmen und trockenen Ausklang gewährleistet.

Der Altweibersommer hat primär einen psychologischen Effekt. Hat man einmal einen „Sibirischen Winter“ in Russland erlebt, weiss man wie kalt es werden (-20 bis -30 Grad Celsius) und wie lange sich die  Eiseskälte über dem Land halten kann (Ende Oktober bis Anfang März). Der „babje leto“ ist eine willkommene Wohlfühlperiode, welche die eisigen Gedanken an den herannahenden Winter noch einmal aus dem Gedächtnis streichen.

Wir schreiben nun den 27. September 2016 und er ist noch nicht eingetroffen. Seit rund zwei Wochen haben wir keinen strahlend schönen Tag erlebt. Auf der Strasse pfeift einem der Wind stets um die Ohren und Temperaturen halt sich zwischen 6 und 10 Grad Celsius. Ohne Schal und Windjacke friert man schon ganz ordentlich.

Wir könnten ihn dringend gebrauchen. Ich könnte ihn dringend gebrauchen. Mein Vitamin D Spiegel sinkt exponentiell und die Stimmung mit ihm.

Ich bitte Sie inständig, liebe Frau Holle, bringen Sie uns den verdienten Altweibersommer!

Till M. Widmer, studiert zur Zeit Russisch am Spracheninstitut Liden & Denz in Moskau

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