Kryscha – die wilden Neunziger

kryscha

In einem gesunden Staatsapparat besitzen der Staat und dessen Organe, wie Polizei oder Militär, als einzige Instanzen das Gewaltmonopol. Er gewährt Rechtssicherheit und gleiche Rechte für alle. Privatbürger und Unternehmen sind auf die Sicherstellung ihrer Handlungsfähigkeit angewiesen, um optimal gedeihen zu können.

Ganz zum Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre war die Situation in Russland eine diametral andere. Der Nachfolgerstaat, welcher auf die sozialistische Periode folgte, war keineswegs in der Lage der Bevölkerung und der im Privatisierungswind aufstrebenden Unternehmen die Sicherheit zu bieten, welche für die individuelle und ökonomische Wettbewerbsfähigkeit eines Landes unabdingbar ist.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang auf einem kleinen Marktplatz in Moskau – der „Rischni Markt“. Wir schreiben das Jahr 1987. Die Perestroika-Politik unter Parteileiter Gorbatschow erlaubte der Bevölkerung den privaten Handel. So wurden an Wochenenden auf dem „Rischni Markt“ Kleider, Esswaren und allerlei Krimskrams gehandelt. Dies rief starke Männer auf den Plan, welche meist mehrere Jahre in sowjetischen Gefängnissen verbracht hatten und ihren Anteil am Kuchen des neu aufstrebenden Business abzweigen wollten.

Sie drangsalierten die Standinhaber, jeweils unter Gewaltandrohung oder schwerster  Gewaltanwendung, und kassierten kräftig an deren Gewinnen mit. Der Deal war, die Kleinunternehmer vor konkurrierenden Banden und der ihren Bande selbst zu schützen, als Gegenleistung mussten prozentuale Anteile der Umsätze ausgehändigt werden.

Dies ist die Geburtsstunde eines kriminellen Zweigs, der in Russland unter der Bezeichnung Крыша („Kryscha“ ausgesprochen; im Deutschen „Dach“) in die Analen der postsowjetischen Geschichtsschreibung einging.

Das „Dach“ bezeichnete eine Person oder eine Organisation, welche privaten Unternehmen gegen Geldzahlungen Sicherheit bot. Heute ist dieser Sachverhalt besser bekannt als Schutzgelderpressung. Faktisch traten die Dachorganisationen in das Machtvakuum oder die Gewaltenmonopol-Lücke, welche sich mit dem Untergang des bröckelnden sowjetischen Staat auftat.

Es kristallisierten sich über die 90er Jahre hinweg in der kriminellen Szene grosse Organisationen heraus, welche gleich schnell wie das legale Business wuchsen und selbst zu bedeutenden „Unternehmen“ wurden.

Im Umgang unter den mächtigsten Gangsterbossen galt eine eiserne Regeln: die Regeln der „Diebe im Gesetz“. Man trat sich gegenseitig nicht auf die Füsse. Jeder hatte seine Geschäfte und von ihm kontrollierte Distrikte in den Städten. Wenn Probleme entstanden, trafen sie sich an einem runden Tisch, diskutierten und entschieden über Konsequenzen. Auch wenn dann Köpfe rollen mussten, herrschte eine gewisse Stabilität im System.

Im zweiten Drittel der 90er Jahre sollte sich die Konstanz auf den Russischen Strassen vehement ändern. Die Gangsterbanden begannen sich vermehrt zu bekämpfen. Die immer noch schwache, neue Russische Föderation konnte diesem Treiben nicht viel entgegenhalten. Gänzliche Strassenschlachten waren in Moskau zum Alltag geworden. Es wurde auf offener Strasse geschossen und gemeuchelt. Manchmal waren am helllichten Tag gar bürgerkriegsähnliche Zustände zu beobachten.

Die Situation sollte sich erst mit dem Tod des ersten Präsidenten der Russischen Föderation, Boris Jelzin, und der darauffolgenden Machtergreifung Wladimir Putins ändern. Kaum im Amt als Ministerpräsident und im darauffolgen Jahr als Präsident des Russischen Staates, begann er mit der Säuberung der Schutzgelderpressungs- und Bandenkriminalität. Die Staatsmacht demonstrierte seine Rückkehr.

Die Paten der Dachorganisationen, d.h. diejenigen welche die wilden Neunziger überlebt hatten, verliessen das Land mit unermesslichem Reichtum ins Ausland und gaben immer wieder gerne Interviews an Kamerateams und erzählten von den Zeiten, in welchen sich im Osten Europas, der Wilde Westen abgespielt hatte.

Till M. Widmer, studiert zur Zeit Russisch am Spracheninstitut Liden & Denz in Moskau

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