Fahrradtour auf Moskaus Strassen

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Während der Rush Hour reihen sich abertausende Autos kreuz und quer auf Moskaues Strassen nebeneinander auf. Die meiste Zeit stillstehend. Nur schüchterne Vorwärtsbewegungen sind möglich. Es wird gehupt und geflucht. Ein schnelles Durchkommen scheint unmöglich.

Da wünschte man sich doch einen flexibleren Weg zur Arbeit, zur Universität oder in ein nahgelegenes Café in der Innenstadt. Wer schon einmal in Amsterdam war, weiss, dass es noch ganz andere Beförderungsmittel gibt, welche einen nicht benzin- oder elektrizitätsbetrieben von Punkt A zu Punkt B transportieren.

Das Fahrrad. Eine wunderbare Erfindung. Günstig zu erwerben, einfach handzuhaben und flexibel einzusetzen. Speziell in Grossstädten bietet der Zweiräder eine ernstzunehmende Alternative zu den öffentlichen Verkehrsmitteln und privaten Motorfahrzeuge.

Ich habe erst letztens in der Moskauer Deutschen Zeitung einen Artikel über die Fahrradkultur in Russlands Hauptstadt gelesen. Darin wurde berichtet, dass Moskau allmählich zu einer Velostadt werden würde. Mittlerweile gebe es gleich viele Fahrräder wie Autos, jeweils 4 Millionen an der Zahl. In den letzten drei Jahren seien eine Million neue Fahrräder dazugekommen, wo der absolute Autoanstieg stagniere.

Ich bin skeptisch. Zu viele Male habe ich rücksichtslose Autofahrer in Deutschen Luxuskarossen gesehen, die selbst andere Autofahrer von der Fahrspur abdrängten – warum sollte es bei Fahrradfahrern anders sein?

Einige dürften sich jetzt schon fragen, welcher todesmutige Mensch sich denn überhaupt auf ein Fahrrad und in den chaotischen Moskauer Strassenbetrieb schmeisst.

Die Antwort dürfte überraschen: Ich. Ich habe es selbst ausprobiert – als wenig von Fahrrädern angetane Schweizer habe den Selbstversuch gewagt. Das Ergebnis vorab: weder ernüchternd, noch erhellend.

Ich habe meine kleine Fahrradtour im Zentrum Moskaus an einer der mittlerweile 600 Fahrrad-Ausleihstellen in Moskau, vis-à-vis der Kurskaya Metrostation begonnen. Ein mulmiges Gefühl kam relativ schnell in mir auf, als mich ich auf der äussersten von 5 Spuren in den Verkehr einreihte. Wie durchgebrannte Raketen schossen die Autofahrer an mir vorbei, immer mit einem übermässigen Abstand zu mir, sodass einige fast weitere Autofahrer auf der zweiten Spur touchierten.

Schweissgebadet verliess ich die Hauptstrasse und bog auf eine kleine Strasse Richtung Kitai Gorod ein. Man mag es kaum glauben. Eine Fahrradspur. Was ich kaum zu glauben vermochte, nach 50 Metern ein geparkter Porsche auf meiner Spur. Na dann aufs Trottoire.

Die Spaziergänger schienen kein Problem mit meiner Anwesenheit auf ihrem Gehweg zu haben. Ab und zu sogar ein vermitztes Lächeln in Richtung. Schon fast beim Kreml angekommen kehrte ich um ging den ungefähr gleichen Weg wieder zurück. Ein bisschen froh war ich schon, als ich das Fahrrad wieder an der Vorrichtung abschliessen konnte und zu Fuss meines Weges ging.

Resümierend war es auf alle Fälle ein Erlebnis. Moskau mag nicht fahrradfreundlich wie Amsterdam sein, doch haben die sonst grobschlächtigen Autofahrer sehr wohl grosse Acht auf mich gegeben und die Spaziergänger schienen mich ebenfalls sehr gerne auf ihrem Weg zu empfangen.

Leider gibt es nur ganz wenige Fahrradwege, manchmal in Parks und entlang kleiner Strassen, aber es lässt sich auch auf grösseren Strassen vorwärts kommen. Denjenigen unter Euch, die dieses Erlebnis ebenfalls einmal machten möchten, kann ich sagen: besitzt Ihr genug Mut, ist eine Fahrradtour durch Moskau zu natürlich empfehlen!

Till M. Widmer, studiert zur Zeit Russisch am Spracheninstitut Liden & Denz in Moskau

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