Das Gastfamilien-Erlebnis: Mit einer russischen Babuschka leben!

Als ich letztes Jahr in Sankt Petersburg studierte, entschied ich mich in einer Gastfamilie zu wohnen, gleiches hatte ich bereits zuvor in Jaroslawl getan und konnte mir daher in etwa vorstellen wie es seien würde. Trotz allem war ich natürlich sehr aufgeregt. Wie würde ich mit meiner Familie zurecht kommen? Wird mir das Essen schmecken? Werden wir Gemeinsamkeiten haben oder worüber werden wir überhaupt reden? Werden sie kalt und distanziert zu mir sein? Am aller wichtigsten: Werden sie langsam und deutlich sprechen oder werde ich mit meinen eingeschränkten russisch Kenntnissen direkt gegen eine Wand laufen? Ich hatte so viele Fragen und Zweifel…

Doch all diese verflogen schnell als Mila die Tür öffnete. Mila war meine Gastgeberin, моя хозяйка, oder die populärere Bezeichnung unter Austauschschülern , моя бабушка.

Мой русский дом

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Nachdem sie mich mit offenen Armen begrüßt hatte, lächelte Mila mich an (Ja in Wahrheit können Russen sogar lächeln) und zeigte auf ein Paar Hausschuhe, welche neben der Tür lagen. «Вот, твои тапочки», sagte sie, „ jedes Mal wenn du nach Hause kommst solltest du sie anziehen“. Russen ziehen zu Hause ihre Schuhe aus und ziehen sich meist Crocs ähnliche Hausschuhe an. Stylisch und bequem, was will man mehr? Nachdem ich sie mir pflichtbewusst angezogen hatte gab mir Mila eine Tour durch die Wohnung. Als Erstes mein Zimmer, wunderbar, ein großes Zimmer mit komischer Tapete und einem gleichsam sonderbaren Teppich an der Wand. Absolut super! Als nächstes das Badezimmer, mit der Waschmaschine, welche ich unter keinen Umständen berühren sollte. Oftmals in Gastfamilien möchten die Gastgeber nicht, dass man ihre Waschmaschine ohne Erlaubnis berührt. Daher ist es besser, selbst wenn man weiß wie die Maschine funktioniert, erst beim Gastgeber um Erlaubnis zu fragen. Das gleiche gilt für die Küche. Mit Mila hatte ich Glück, denn sie erlaubte mir die Küche frei zu benutzen, leider ist dies nicht in jeder Gastfamilie so.

Russisch Kochen

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Mila machte mir schnell klar, dass ich mich ganz wie zu Hause fühlen kann. Schnell gingen wir zum Du über, oder wie man auf russisch sagen würde «на ты».  Jeden Morgen kochte sie mir Frühstück. Normalerweise gab es каша ein traditioneller Haferbrei, es gab entweder die traditionelle Variante aus Haferflocken (овсяная каша) oder гречка (Buchweizen), dieses wird entweder mit Milch oder mit Marmelade und Butter angerichtet (Manchmal gab es sogar eine Kombination aus allen drei). Каша ist wahrscheinlich eines der beliebtesten Frühstücksgerichte in Russland. Neben каша stellte Mila auch ihren eigenen пелмени her, ein weiteres sehr typisch russisches Gericht.
Eine der beruhendsten Erinnerungen an letztes Jahr war eigentlich, als Mila meine Tante, die mich damals in St. Petersburg besuchte, zum Abendessen einlud. Mila fuhr alle Register aus; Sie bereitete traditionelle Gerichte zu, wie борщ, салат оливье und плов, ein Hühner- und Reiseintopf. Es war wirklich wie eine Familienangelegenheit, wir alle drängten sich um einen winzigen Tisch, der mit all diesen Gerichten gefüllt war. Mila hatte auch советское шампанское gekauft, eine Art Schaumwein, der eine gewisse Nostalgie für die Sowjetunion bewahrt. Mila, immer eine tolle Gastgeberin, füllte ständig unsere Gläser und brachte sogar meiner Tante (und mir!) Bei, wie man einen richtigen Toast nach russischem Stil macht!

«Это – огурец»

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Dies war wahrscheinlich eines der besten Dinge in einer Gastfamilie zu leben; Du lernst eine Menge. Du wirst ständig gezwungen, Russisch zu sprechen, und wirst auch immer neuen Wörtern ausgesetzt. Diese Situationen, können eine nachhaltige Wirkung haben. Eines Tages hatte sich Mila eine Maniküre gegönnt, und beim Abendessen wollte sie gerne ihre neuen Nägel zeigen. Sie schnappte mit einem strategisch ausgerichteten Finger willkürlich eine Gurkenscheiben, die auf einem Teller lag, und erklärte stolz «это – огурец», als ob sie mir ein neues Wort beibrachte.
Obwohl ich dieses Wort bereits kannte, war der Hintergedanke für mich, ihre Maniküre zu bemerken, offensichtlich. Als ich danach fragte, strahlte sie wie ein kleines Mädchen und erzählte mir von all dem Klatsch der Damen, den sie im салон красоты (einem Schönheitssalon) gehört hatte. Aus dieser Konversation lernte ich viele neue Worte. Ihre bizarre, aber liebenswerte Art, die Konversation zu beginnen, hat aus irgendeinem Grund das Wort огурец in meinem Kopf gefestigt.
Als mein Auslandsjahr zu Ende ging, war ich traurig, das Land zu verlassen. Als ich jedoch wieder nach Sankt Petersburg zurückkehrte, um bei Liden & Denz zu lernen, war ich unglaublich glücklich, wieder bei Mila zu wohnen. Liden & Denz organisiert auf Anfrage auch eine Unterkunft für Schüler. Klicken Sie hier, um weitere Informationen zu den verschiedenen Optionen zu erhalten. Glauben Sie mir, für nichts auf der Welt würde ich die Erfahrungen in meiner Gastfamilie eintauschen.

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Posted by Thomas Reid

A passionate Russian and history student, I'm here in bonny St P. to build on my knowledge of Russian and learn more about the shared history between Scotland and Russia.

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