Kleine künstlerische Tour in der Nähe von Liden & Denz (St. Petersburg)

27 August, 2021

St. Petersburg wird häufig als die Kulturhauptstadt Russlands bezeichnet, und während meines kurzen Aufenthalts hier konnte ich mich selbst davon überzeugen. Wo auch immer man hingeht gibt es ein Museum, ein Kulturzentrum oder eine Galerie in der Nähe. Ich habe diesmal 2 Galerien und ein Kulturzentrum in unmittelbarer Nähe von «Liden & Denz» besucht, von denen ich euch in diesem Artikel ein wenig erzählen werde.

Ich persönlich würde mich nicht als eine Person bezeichnen, die viel über Kunst weiss. Auch wenn ich gerne Museen besuche und mich für Geschichte interessiere, gehe ich nur selten in Galerien oder entdecke selten Ausstellungen in der Umgebung meiner Stadt.

Aber dieses Mal in St. Petersburg hatte ich die Gelegenheit, mich etwas tiefer in die Welt der Kunst zu begeben, eine mir eher unbekannte Welt. Diese Chance ergab sich nicht nur, weil die Kunst in dieser lebendigen Stadt eine wichtige Rolle spielt, sondern auch weil einer meiner russischen Kommilitonen, Claude Spiller, der in der Schweiz Kunstgeschichte studiert hat, mir vorschlug, mit ihm drei Orte zu besuchen, die eng mit der Kunst verbunden sind. Das Ziel: über diese Orte zu schreiben und meine Erfahrungen mit euch zu teilen!

 

Borey Kunstzentrum (Галерея Борей)

Zum Ort:

1991 wurde Borey als unabhängige kreative Organisation gegründet mit dem Ziel, ein wahres «Haus der Kultur» zu errichten und somit offen für jede künstlerische Initiative zu sein und auf jedes Genre, jeden Trend oder jede relevante Tendenz in der Welt der Kunst einzugehen. Die Galerie ist nur 4 Gehminuten von der Schule entfernt. Und obwohl sie sich in der Liteyniy-Allee (Лите́йный проспе́кт) befindet, also an einer belebten Strasse, die zum Newski-Prospekt führt (die bekannteste und aktivste Strasse in St. Petersburg), könnte dieses kleine Juwel von den Fussgängern unbemerkt bleiben, da sich der Eingang unter dem Erdgeschoss befindet. Wenn man also nicht genau hinschaut, kann man den Eingang kaum sehen. Bevor ich mich entschied, dorthin zu gehen, hatte ich den Ort tatsächlich nicht gesehen, obwohl ich mindestens fünf Mal daran vorbeigelaufen war.

Die Kunstausstellung in Borey dauert drei Wochen und beginnt jeweils am letzten Tag des Monats. Nach Ablauf der drei Wochen dauert es eine Woche, um die gesamte Ausstellung auszuwechseln; danach wiederholt sich der Vorgang. Die Besucher können sich also darauf freuen, dass sie zu Beginn jedes Monats eine spannende und abwechslungsreiche neue Ausstellung erwartet.

Besonders interessant ist, dass es im ersten Ausstellungsraum eine kleine Tür gibt, die zu einem gemütlichen und sehr einladenden, versteckten Café führt, das voller Pflanzen und alternativer Dekoration eingerichtet ist. Ein amüsanter Fakt ist auch, dass es dort eine «hausgemachte Roboter-Kaffeemaschine» gibt, die Sprachbefehle vom Barista empfängt und den Kaffee zubereitet. Das war etwas Besonderes, das ich in einer Kunstgalerie definitiv nicht erwartet hätte. 😉

Die Ausstellung:

Der Eintritt in die Galerie ist frei, allerdings ist Trinkgeld immer willkommen. Obwohl es auf Russisch «Galerie» (Галерея) heisst, handelt es sich eher um ein Kunstzentrum, da es Gemälde und Grafiken von vielen verschiedenen Künstlern und unterschiedlichen Stilrichtungen gibt. Die erste Ausstellung die wir sahen, war von einem Künstler namens Nikita Rodin (Никита Родин). Seine Werke waren schwarz-weisse Grafiken, die er mit Kugelschreiber gezeichnet hatte. Die Thematik seiner Grafiken fand ich äusserst interessant: Jedes Bild stellte ein wahres historisches Ereignis dar, aber der Künstler versah sie mit Details aus seiner Phantasie, die nicht den Ereignissen entsprechend waren.

Auf der anderen Seite der Galerie befindet sich ein kleiner Durchgang der zu vier weiteren Räumen führt, in denen man weitere Gemälde und Grafiken von verschiedenen Künstlern findet. Es gab sowohl abstrakte als auch figurative Kunst zu sehen. Mir persönlich haben zwei Werke am besten gefallen, nämlich die Rosen von Ekaterina Kamigunova (Екатерина Камигунова). Auf dem einen Bild sind die Rosen in Zellophan eingewickelt, auf dem anderen sind sie in eine Art grauen Rauch umhüllt. Man sagt ja, dass Kunst nicht unbedingt schön sein muss, sondern vielmehr Gefühle wecken sollte. In diesem Falle denke ich, dass die Zusammensetzung dieser Blumengemälde beide «Bedingungen» erfüllt.

Gerade als wir den Ort verlassen wollten, entdeckte ich plötzlich etwas mir Bekanntes. Ein Gemälde des Künstlers Buston Sharipov (Бустон Шарипов) mit dem Titel «Präkolumbianische Zivilisation» (доколумбовская цивилисация), welches eine Person darstellte, die vermutlich aus der Maya-Kultur stammt. Für mich als Mexikaner war es ein herzerwärmendes Gefühl, ein solches Gemälde so weit entfernt von meinem Heimatland zu sehen.

 

Galerie für zeitgenössische Kunst Anna Nova (Галерея современного искусства Анна Нова)

Zum Ort:

Sie wurde 2005 von Anna Barinova gegründet und gilt als eine der führenden Galerien Russlands. Mit der Durchführung von forschungsbasierten Projekten und umfassenden Installationen unterstützt die Galerie auf aktive Weise originelle und innovative interdisziplinäre Kunstpraktiken. In den letzten Jahren hat die Galerie ihre Aktivitäten ausgeweitet und zielt nun darauf ab, junge Künstler zu entdecken und zu fördern, die sich mit den drängenden kulturellen Problemen und Herausforderungen der heutigen Gesellschaft auseinandersetzen.

Die Galerie spielt auch eine pädagogische Rolle, indem sie Vorträge, Meetings, Workshops und Filmvorführungen organisiert. So schafft sie eine Kommunikationsplattform für und zwischen Künstlern und Kuratoren, Fachleuten, Sammlern und allen, die sich für die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst interessieren. Zudem gehören auch Kunstberatung und die Vermittlung von Werken für Firmen- und Privatsammlungen zu den Aktivitäten der Galerie.

Die Ausstellung:

Der Eintritt kostet 200 Rubel, wobei Studenten nur die Hälfte zahlen. Als wir hineingingen, begrüsste uns die Mediatorin (Alberta) sehr herzlich und erzählte uns ein wenig über die Ausstellung. Die Ausstellung die wir besuchen konnten war von dem Künstler Ilya Fedotov-Fedorov , mit dem Titel «Die Motte und die Fledermaus fliegen zum Licht». Wir erfuhren, dass der Künstler mit dem Thema der Tier- und Menschenwelt arbeitet und auf welche Weise diese Welten miteinander verbunden sind. Dieses Projekt dreht sich um die Idee der Akzeptanz oder Ablehnung von jemandem oder etwas «anderem» und ist somit ein Thema, das eng mit der Diskussion über Toleranz und Diskriminierung von Transgender-Personen (die den Künstler bei der Schaffung dieses Werks beeinflusst haben) verbunden ist.

Etwas Interessantes, das man als Zufall betrachten könnte (wenn man an Zufälle glaubt), ist, dass der Autor einen Teil seiner Arbeit in einem Zoo in der Schweiz gefilmt hat. Das zauberte ein Lächeln auf die Gesichter von uns drei Schweizern, die in der Galerie anwesend waren. Denn wie gross war wohl die Wahrscheinlichkeit, dass 3 Schweizer eine Ausstellung in Russland besuchten, die einen Schweizer Zoo zeigte?

Anna Nova ist eine sehr moderne Galerie. Die Ausstellung wurde teilweise über Bildschirme oder Projektionen gezeigt und fand auf zwei Etagen statt. Es gab noch eine dritte Etage, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war, doch Alberta war so freundlich, sie uns zu zeigen. Diese Etage wird für Sitzungen verwendet und um bestimmte besondere Werke der Künstler auszustellen. Ich fand es äusserst nett von ihr, dass sie uns diese Etage gezeigt hat.

Zum Abschluss unseres Besuchs hatten wir das Glück, eine Live-Performance zu sehen. Es handelte sich um dieselbe Künstlerin, die wir über den Monitor gesehen hatten, als wir in die Galerie kamen. Ich kann nicht genau sagen, was es war, aber ich war von dieser Performance tief beeindruckt; die Konzentration, die Professionalität, die Leidenschaft… die Künstlerin hat es eindeutig geschafft, uns Zuschauern eine gewisse Botschaft zu vermitteln, ein subjektives Gefühl für jeden einzelnen von uns.

 

Kunstzentrum Pushkinskaya-10 (Арт-центр “Пушкинская-10”)

Zum Ort:

Zu guter Letzt besuchten wir das Kunstzentrum Pushkinskaya-10, welches im Vergleich zu den anderen beiden Galerien am weitesten von der Schule entfernt war, aber dennoch ziemlich nah ist. Pushkinskaya-10 gilt als die einzige unabhängige und damit nichtstaatliche, selbstverwaltete Kunstgemeinschaft des Landes. Im Jahr 1989 haben Maler, Musiker und andere unabhängige Künstler begonnen, eines der verlassenen Häuser in der Region zu besetzen. Unter dem Namen «Freie Kultur» schlossen sie sich zu einer nichtkommerziellen NGO zusammen, die später in «Gesellschaft» umbenannt wurde. Nach der Besetzung wurde die Künstlergemeinschaft offiziell anerkannt und erhielt ihren heutigen Namen.

Seit 24 Jahren ist es ein Zentrum für kreative Aktivitäten, welches die russische Kunst in den internationalen Kulturkreis integriert. Dieses Kunstzentrum stellt regelmässig zeitgenössische russische Kunst auf internationalen Ausstellungen und/oder Festivals vor. Die Werke, die hier ausgestellt werden, gehören zu Sammlungen von Museen in Russland, Europa und den Vereinigten Staaten.

Die Besucher des Kunstzentrums können zeitgenössische Kunst entdecken sowie verschiedene Gemälde, Grafiken, Bücher, Kataloge und auch Musik kaufen sowie natürlich etwas über die Geschichte der St. Petersburger Underground- und Alternativszene erfahren.

Die Ausstellung:

Der Zugang kostet 300 Rubel bzw. 150 Rubel, wenn man Student ist. Das Areal ist recht gross und besteht aus 4 Gebäudeteilen, von denen zwei miteinander verbunden sind. Wir begannen unseren Rundgang, indem wir die Treppen eines der Hauptgebäude hinaufgingen. Der Ort strahlt Kunst aus, denn überall sind Kunstwerke oder Skulpturen zu sehen (ja, sogar auf dem Treppenhaus). Es empfiehlt sich also, den Rundgang im obersten Stockwerk zu beginnen, damit man sich die Energie besser einteilen kann… denn wenn man müde wird, hat man manchmal keine Lust mehr, bis zum 5 Stock zu laufen!

Wir starteten in einer Galerie, die zeitkritische Plakate ausstellte. Es ist mir nicht klar, ob es daran lag, dass es die erste Galerie war, die wir uns angeschaut haben, aber es war jedenfalls diejenige, die mich am meisten beeindruckt hat. Es gab Plakate mit ziemlich heftigen Botschaften, die je nach Kontext nicht für die Publikation in jedem Medium geeignet wären, die aber sicherlich vielen Menschen die Augen öffnen würden.

Die zweite Galerie hiess «All eyes are on us» und zeigte beinahe nur Porträts, was eines der beliebtesten, aber auch schwierigsten Genres in der Kunst darstellt. Von dort aus gingen wir weiter zu einer Galerie, die uns die Wichtigkeit des Papiers als grundlegendes Material in der Kunstgeschichte bewusst machte. Auf dem Weg zu anderen Galerien stösst man oft auf geschlossene oder halboffene Türen, nämlich die der Ateliers, in denen die Künstler an ihren Projekten arbeiten.

Zum Abschluss unseres Besuchs haben wir einen Raum gefunden, der dem Rock and Roll gewidmet war. Dort trafen wir Vladimir Rekshan, den Künstler, der allerlei coole Sachen zu diesem Musikgenre ausstellte. Er erzählte uns etwas über sein Leben als Rocker während der Zeit der Sowjetunion, wie er seine ersten elektrischen Gitarren selbst bauen musste, die unvermeidliche Distanzierung des sowjetischen Rock von der Rockszene im Rest der Welt, die Undergroundszenen für die Organisation von Konzerten… es war definitiv eine Reise in die Vergangenheit, in Begleitung dieses Raumes voller Beweise. Die Unterhaltung mit ihm war sehr amüsant, und man konnte sich vorstellen, was er in seiner Jugend alles erlebt hat. Solltest du also jemals die Pushkinskaya-10 besuchen und Vladimir Rekshan treffen, bin ich mir sicher, dass er dir mit Freude seine Erlebnisse erzählen wird, um die Geschichte des sowjetischen Rocks am Leben zu erhalten.

***

Selbstverständlich gibt es noch unzählige weitere Galerien und historische Zentren in St. Petersburg, sogar ganz in der Nähe von Liden & Denz; ich hoffe, dass dieser kurze Überblick über diese drei Galerien dich dazu inspirieren konnte, mehr über die Kunstszene der Stadt zu erfahren.

Posted by Fabio Reyes

Здравствуй! My name is Fabio and I study Applied Linguistics at the Zurich University of Applied Sciences in Switzerland. I am currently interning and studying Russian at Liden & Denz St. Petersburg, which is why I will be keeping you up to date with blogs related to Russia for the next 12 weeks. Stay tuned 😉!

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