Lenins letzte Ruhestätte

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Es kam einem Staatsereignis gleich, als Josef Stalin die Grabstätte Lenins auf dem Moskauer Roten Platz Ende Januar 1924 einweihte. Dies obwohl der Revolutionsführer vor seinem Tod jegliche Arten von Heldenverehrung und Totenkult ablehnte und seine Frau Nadeschda Krupskaya gegenüber Stalin mehrfach insistierte, wurde der Leichnam direkt nach seinem Ableben einbalsamiert und aufgebahrt.

Das heute aus Labradorstein und bordeaux-rotem Granit gebaute Mausoleum in kubistischer Baumanier, war während den ersten drei Jahren nach seinem Tod, als behelfsmässige Holzhütte auf den zentralen Moskauer Platz gestellt worden. Es musste schnell gehen 1924. Josef Stalin, der das Zepter über das Sowjetische Reich nach Lenins Tod an sich riss, sah die Verehrungsstätte als geeignetes Propagandainstrument, welches die sozialistischen Massen begeistern und für die gemeinsame Sache mobilisieren sollte.

Vergleichbar mit dem Kubus Kaaba in Mekka, welcher als wichtigster, heiliger Pilgerort für die muslimische Glaubensgemeinschaft fungiert, war die Grabkammer Lenins eine der bedeutungsvollsten, ideologischen Attraktionen der kommunistischen Sowjetunion. Millionen von Menschen reisten Jahr für Jahr auf den Roten Platz, um dem Theoretiker und Praktiker des frühen, Russischen Sozialismus ihre Ehre zu erweisen.

Noch zur heutigen Zeit ist das Mausoleum ein beliebtes Reiseziel vieler Moskaureisender aus dem Ausland und dem weiteren Inland. Die Öffnungszeiten scheinen durchaus willkürlich gewählt, man muss schon zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um in den nur einige Quadratmeter umfassenden Raum zu gelangen.

Die Stimmung im Inneren schwankt zwischen mystisch und gruselig. Auf der einen Seite fasziniert einen das Bewusstsein, einem der bedeutendsten Charaktere der jüngeren Zeitgeschichte gegenüberzustehen, auf der Anderen läuft dem Besucher beim Anblick des Leichnams auch ein bisschen der kalte Schauer über den Rücken. Bleich und statisch, wie eine Wachsfigur aus einer Madame Tussauds Ausstellung, liegt er da.

Im Aufbahrungsraum dürfen weder Fotos, noch Filmaufnahmen gemacht werden, sprechen ist verboten. Das blosse Stehenbleiben wird schnell von einem Sicherheitsmann mit bösem Blick oder Andeutung auf den am Gürtel befestigten Schlagstock geahndet. Man muss äusserst funktionstüchtige Augen haben, um einen Blick auf den in düsterem Licht und hinter dicken Pleziglasscheiben liegenden Lenin zu erhaschen.

Trotzdem kann ich den Besuch des Lenin-Mausoleums jedem Hobbyhistoriker und Moskaureisenden nur wärmstens empfehlen. Ein Stück europäische Zeitgeschichte, welches nur selten so hautnah miterlebt werden kann.

Till M. Widmer, studiert zur Zeit Russisch am Spracheninstitut Liden & Denz in Moskau

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