Russlands Abhängigkeit vom schwarzen Gold

Ölförderung

Der internationale Ölmarkt

Der Ölmarkt ist kein vollkommener Wettbewerb, in dem die einzelnen Anbieter keinen substantiellen Einfluss auf den gehandelten Preis ausüben können. Im optimalen Markt mit abertausenden Verkäufern und Käufern bestimmt das Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage einen gleichgewichtigen Preis.

Da im internationalen Ölwettbewerb nur einige grosse Player (USA, Saudi-Arabien, Russland usw.) bei ungefähr gleich bleibender Nachfrage das Angebot bestimmen, haben sie die Möglichkeit den gehandelten Preis per Drosselung (Preis steigt mit geringerem Marktangebot) oder Erhöhung (Preis sinkt mit höherem Marktangebot) der Förder- und Verkaufsmenge zu lenken.

Seit geraumer Zeit befindet sich der Ölmarkt in preislicher Hinsicht auf einer Talfahrt, die weitestgehend durch das Überangebot an Öl auf dem Weltmarkt begründet ist. Saudi-Arabien erhöhte seine Fördermenge markant und in den USA kam das neuartige Frackingverfahren zur Anwendung, welches ebenfalls eine weitaus grössere Exportmenge an Öl hervorbrachte.

Nun befinden sich die Ölförderstaaten im einem strategischen Dilemma: der tiefe Ölpreis schmälert empfindlich die Staatseinnahmen. Der Preis wäre nur wieder höher zu stabilisieren, wenn die Angebotsmenge sinkt. Drosselt jedoch einer der Globalplayer die Angebotsmenge, springt ein anderer für ihn ein und erhöht dadurch seine Staatseinnahmen und der Preis würde sich immer noch dort befinden, wo er vor der einzelnen Drosselung war, die Staatseinnahmen wären im drosselnden Land jedoch empfindlich kleiner.

Der Ölpreis kann folglich nur im Kollektiv, mit Förderabsprachen unter den entscheidenden Ländern wieder hochgefahren werden. Dies ist aber nicht der Fall. Die untereinander misstrauisch gesinnten Ölnationen steigern stattdessen die Mengen immer weiter, um wenigstens auf kurze Sicht ihre Staatseinnahmen zu stabilisieren.

Ein strategisches Hick-Hack, mit welchem es in der langen Frist nur Verlierer geben kann.

Russlands Abhängigkeit vom schwarzen Gold

Für Russland und Saudi-Arabien bringt dieses Dilemma besonders verheerende Konsequenzen zum Vorschein, da der Öl- und Gasexport einen entscheidenden Anteil (in Russland zwischen 15-20%) an der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht.

Speziell Russland, welches sich seit mehreren Jahren in einer gesamtökonomischen Krise befindet und unter dem Zerfall der einheimischen Währung leidet, ist der anhaltend tiefe Ölpreis besonders besorgniserregend.

Die vom Russischen Establishment seit Dekaden verstärkte Abhängigkeit vom Gas- und Erdölexport, scheint sich langsam aber sicher zu rächen. Die einheimische Wirtschaft, sprich Dienstleistungs-, Konsum-, Landwirtschafts- und Industriesektor sind in Relation am eigentlichen Potential äusserst strukturschwach.

In Anbetracht, dass die bewirtschafteten Erdöl- und Gasvorkommen noch aus Sowjetzeiten stammen und in den nächsten Dekaden zu versiegen drohen, ist dies ein Spiel gegen die Zeit.

Schlechte Konjunkturdaten bestärken zudem Investoren darin, ihr bereits angelegtes oder in Zukunft geplantes Kapital aus Russland abzuziehen rsp. gar nicht erst zu investieren. So werden auch die schwächelnden Sektoren keinen Puffer für die angeschlagenen Staatseinnahmen und die Entwicklung einer gesamtwirtschaftlich starken Nation sein können.

Die nationale Wirtschaft befindet sich in einem Teufelskreis, ausdem es aus gegenwärtiger Sicht keine kurzfristigen Auswege und dagegen keine langfristigen Strategien zu geben scheint.

Till M. Widmer, studiert zur Zeit Russisch am Spracheninstitut Liden & Denz in Moskau

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