Tretjakovskaya: Ausstellung Russischer Kunst des 20. Jahrhunderts

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Die Tretjakovskaya Galerie ist weltberühmt und war schon einige Male Thema im Rahmen dieses Blogs.

Heute widmen wir uns gezielt der permanenten Ausstellung zum Russischen Kunstschaffen während des 20. Jahrhunderts und der gegenwärtigen Ära. Ausgestellt sind ausschliesslich Werke Russischer Künstler.

Ich habe das Museum gestern während vollen 4 Stunden selbst besucht und bin in Gedanken versunken durch die hell beleuchteten Gänge geschlendert. Die Ausstellung beginnt im noch jungen 20. Jahrhundert, vor der sozialistischen Revolution, mit den frühen Impressionisten, Expressionisten – ein einigen kubistischen Einflüssen. Die Anlehnung an die Europäischen Meister wie Monet, Sézanne, Braque und Picasso ist nicht zu übersehen.

Nichtsdestotrotz überzeugt die Qualität und unterschwellige, Russische Eigenheit, welche den eindrucksvollen Gemälden einhergehen. Dazu kommt, dass die Epoche in Europa in erster Linie männliche Meister hervorbrachte, die Russischen Pendants scheinen jedoch überwiegend weibliche Maler zu sein. Speziell im Sinn geblieben ist mir Alexandra Alexandrowna Exter, von welcher mehrere Werke ausgestellt sind, wobei eines frappant aus der Masse sticht (Titelbild dieses Textes). Ein Farbenspiel gemalt auf Leinwand mit Massen von ungefähr 5m auf 2.5m. Kubistische und expressionistische Elemente, Farben mit starker Wirkungskraft. Ein Meisterwerk.

Weiter geht die Zeitreise. Die frühen Jahre nach der Revolution hat die Welle der Europäischen, zeitgemässen Stile endgültig verlassen. Der Revolutionsführer und Denker des neuen, sozialistischen Staates rückt in den Mittelpunkt der Sujets. Im Stile alter italienischer Maler wie Boticelli wird Lenin als ruhiger Denker an spärlichen Tisch-Stuhl-Kombinationen in Szene gesetzt. Es sind durchwegs atmosphärisch-romantische Gemälde.

Nach den unmittelbaren Revolutionsdarstellungen, welche natürlich auch blutrünstige Situationen bereit halten, folgen bis zu den unmittelbaren Kriegsjahren unter Stalin viele Darstellungen des klassischen sowjetischen Arbeiterleben. Hammer und Sichel sind allgegenwertig.

Die Kriegsjahre sind geprägt durch stilistisch wenig bestechende Malereien, welche massgeblich Kriegsgerät und in propagandistischer Weise das durchhaltefähige Volk und die zähen Soldaten abbilden. Wundervolle, überdimensionierte Gemälde des starken Führers Stalin dürfen darin natürlich auch nicht fehlen.

Nach den 40iger Jahren geht bestimmt wiederum der sowjetische Arbeiter die Sujets der Gegenwartskunst. Je näher es zum Verfall der Sowjetunion hingeht, desto moderner und unpolitischer sind die Ausstellungsstücke, welche keine einheitliche Typisierung zulassen. Dieser Sachverhalt verstärkt sich ab den 90er Jahren noch mehr. Gemälde, Lichtinstallationen, Videokunst – alles ist vorhanden und scheint keinem übergeordneten Gedankengut mehr zu folgen. Sehen muss man dies mit seinen eigenen Augen.

Ich kann die Sammlung und den Besuch der Tretjakovskaya Galerie nur wärmsten empfehlen. Einen besseren Einblick in das Kunstschaffen und die Wiederspiegelung der verschiedenen zeitgeschichtlichen Epochen kann man in keiner Ausstellung in ganz Russland erhalten!

Till M. Widmer, studiert zur Zeit Russisch am Spracheninstitut Liden & Denz in Moskau

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